Debattenkultur

Ich vermisse oft richtige Debatten, Argumente, Diskussionen… Häufig erlebe ich – sowohl privat wie auch in der Öffentlichkeit – eher eine Kultur der Meinungen, und nicht so sehr der Argumente.

In der Kultur der Meinungen ist Meinungsfreiheit ganz wichtig, und danach geht es nicht weiter: „Seh ich halt so.“ In den USA scheint mir das viel so zu laufen, gipfelnd in der Aussage „I think we can agree to disagree on this“. Dann stehen da die Meinungen, richten scheu den Blick gen Boden und wissen nichts miteinander anzufangen, wie zwei Kinder deren Eltern entschieden haben, dass sie miteinander spielen sollen.

In Deutschland wird diese Meinungskultur zum einen von der AfD und anderen Leuten mit, ich sage mal, zivilgesellschaftsfeindlichen Gesinnungen beschworen mit der hässlichen Formel „Das wird man ja noch sagen dürfen!“. Auch dies knüpft an die Meinungsfreiheit an, als wäre das schon der Höhepunkt der Freiheit: Ich darf meinen!

Aber was nützt die Meinung, wenn man nicht miteinander spricht. Ich vermisse total die Folgesätze wie „Was sagst du dazu?“ oder auch vom Gegenüber „Wie kommt das, dass du es so siehst?“

Eine Weile gab es auf Facebook eine Honeypot-Meldung, die AfD-Sympathisanten aus dem Schatten locken sollten. Da wurde eine falsche Meldung geteilt darüber, dass Flüchtlinge Geld bekommen, und dann nach ein paar Wochen wurde die Quelle des Bildes geändert, sodass da stattdessen stand: „Ich bin ein doofer Nazi.“ (Quelle u.a. hier).

Haha, das war natürlich toll, da konnte man gleich mal in der Freundesliste aufräumen.

Aber das ist alles bescheuert, da klaffen doch riesige Gräben in der Gesellschaft, von denen immer so getan wird, als wären sie unüberwindbar. Aber statt die AfD kacke zu finden und es dabei bewenden zu lassen, sollte man mit Leuten, die deren Botschaften spannend finden, dringend reden. Und die AfD sollte dringend mal mit Flüchtlingen reden. Und die SPD mit den Linken, wo wir schon dabei sind. Nicht immer nur Mauern gegen die böse andere Meinung, sondern Brücken, auf denen man dann steht und streitet.

Meinungsfreiheit kann doch nur der erste Schritt sein, und nicht die Quintessenz des gesellschaftlichen Austauschs… Das führt doch sofort zu Diskursghettos und Parallelgesellschaft: kenn ich nicht, versteh ich nicht, beschäftige ich mich nicht mit.

Anstatt Leute sofort zu disqualifizieren, wenn sie die falsche Meinung haben, wünsche ich mir Argumente. Dazu gehört auch, genau hinzuschauen: welche Teile beispielsweise der Europakritik seitens der AfD sind eigentlich angemessene Kritik, und welche Teile sind völliger Quatsch. Was an den Linken geht gar nicht, und wo bin ich einverstanden? Was sind eigentlich die störenden Teile mancher Einwanderungskultur, und was muss an diesen Stellen gesagt werden?

Aber das ist ja total gefährlich geworden, von unpopulären Meinungen will man ganz schnell weg. „Schon gelesen? Jan findet Teile der Europapolitik der AfD diskutierenswert? Hab ich sofort gelöscht!“

Einen guten Freund von mir habe ich online kennengelernt, und er hat anfangs gern das Wort „schwul“ als Schimpfwort benutzt. Klarer Fall, Freundschaft sofort beenden. Nix da. Ich habe ihm gesagt, dass mich das stört, habe ein paar Worte darüber gesagt, wieso ich es schlimm finde, wie mit anderen Ideen über Sex und Beziehung umgegangen wird, und er hat freundlicherweise (erstmal nur mir gegenüber) aufgehört, „schwul“ zu Sachen zu sagen, die ihm nicht gefielen. Und ich wage die Behauptung, durch unseren fortwährenden Kontakt ist er insgesamt offener geworden für alternative Lifestyles. Hoffe ich.

Und für diese Hoffnung hat es sich gelohnt dranzubleiben.

Titelbild von Lawrence Choy

4 Gedanken zu „Debattenkultur

  1. Hmm … bei allen anderen Themen wäre ich da auch bei Dir. Dafür hat mir selber das Diskutieren als Adovcatus Diaboli, das Aus-dem-Fenster-lehnen zuviel Freude gemacht, um es bei einem „Mein Tanzbereich, Dein Tanzbereich“ zu belassen. Aber bei der AfD ist bei mir Ende der Fahnenstange. Führende Persönlichkeiten der AfD vertreten offen eine Politik, die in direkter Tradition des Nationalsozialismus steht. Dass die so denken: Geschenkt. Dann hätte ich ja vielleicht nocht gesagt: Okay, lass uns über Nation und Deutschland und Werte diskutieren, vielleicht täusche ich mich ja. Aber Frauke Petry und Björn Höcke haben – wohl gemerkt ohne Not oder Druck – offenbart, dass sie sich in der Tradition des Nationalsozialismus sehen. Das ist halt einfach das Ende der Fahnenstange.

    Ich hab das bei mir im Blog ja schon mal geschrieben … gefühlt, haben wir uns in der Schule ja jedes Jahr mit dem Nationalsozialismus beschäftigt und in meiner Erinnerung sass man immer da und dachte „Wie konnte das nur passieren? Wer hat die ’33 nur gewählt?“ und dann auch schon gleich „Ich werde nicht zulassen, dass das wieder passiert“ und jetzt passiert es wieder. Ob Partei, die geschlossene, ethnisch-homogene Lager für Kriegsflüchtlinge und das Wegsperren und Zwangsumerziehen von Homosexuellen fordert auch noch diskussionswürdige Idee über die Idee der Europäischen Union hat, ist mir völlig gleichgültig. Ich sehe keine Möglichkeit, die AfD und ihre Wähler zu tolerieren und gleichzeitig all jenen, die ’33 die NSDAP gewählt haben, eine Mitschuld an all dem zu geben, was darauf folgte.

  2. So … nach der ersten Aufregung nochmal anders formuliert (um nicht zu sagen „debattiert“): Mal angenommen wir befänden uns im Jahr 2010 und die AfD gäbe es noch nicht. Mal weiter angenommen wir hätten uns tatsächlich geschworen, dass „soetwas nie wieder passieren darf“. Was unternehmen wir, damit soetwas nie wieder passiert? Oder detailierter …

    Woran werden wir ein Partei erkennen, die vor hat, soetwas wieder geschehen zu lassen? Das war 2010, und ist heute keine einfache Frage. Wir können wohl kaum davon ausgehen, dass sie dumm genug sein werden, Hakenkreuze zu tragen und den Einmarsch in Polen zu fordern.
    Was also werden sie wohl öffentlich fordern, und was werden sie wirklich wollen?
    Und wie gehen wir dann mit ihr um?
    Und wie gehen wir mit ihren Wählern um?
    Wann ist die grösste Gefahr, die von ihr ausgeht?
    Wann müssen wir etwas unternehmen, damit „soetwas nie wieder passiert“?

    Ich weiss, dass ein Teil der Fragen rhetorisch sind und ich habe das „soetwas“ absichtlich so offen formuliert, denn der Nationalsozialismus ist eben keine singulärer Akt der Barbarei, sondern ein Pandämonium.

    1. Ah, das habe ich vielleicht nicht deutlich genug getrennt: die AfD ist selbstverständlich unter aller Sau, gefährlich und ekelhaft. Aber mit ihren Sympathisanten will ich und müssen wir reden. Das ist, was ich unternehmen will, damit das nicht passiert. Dazu gehört für mich (a) deutlich machen, was man selber so gefährlich findet und warum man die nicht wählen möchte, aber eben (b) auch ein echtes Interesse, was an den Ideen für die Sympathisanten eigentlich so interessant ist.
      Und ich glaube, da wird es dann sogar spannend. Denn die Teile der Bevölkerung, die lieber eine Immigrationspolitik wie, sagen wir, die Franzosen oder Spanier machen, oder die Europa kritisch sehen, können nach dem Ruck der CDU in die Mitte halt nur noch AfD wählen. Die sind parlamentarisch nicht repräsentiert, und das finde ich bedenklich. Der Umgang mit den Sorgen und Ideen dieser Leute wird die nächsten Jahre prägen.
      Und wenn wir einfach nur die Nase rümpfen und auf Facebook auf Blockieren drücken, werden sie irgendwann mit Uniformen und Fahnen marschieren.

      1. Tj … hm … hm … tja. Ist Naserümpfen und Blockieren bei Facebook ein Vegehen an der Demokratie? Rechtfertigen Naserümpfen und Blockieren das Marschieren in Uniformen?

        Aber noch einen Schritt zurück: Ja, das ist natürlich ein ehrbares Anliegen, die AfD-Sympatisanten zurück ins Boot holen zu wollen. Und noch besser finde ich eigentlich Deinen Ansatz dazu, nämlich offene, sachliche Debatten zu führen. Bemerkenswertes kleines Interview mit Tuvia Tenenbom, der da ziemlich in Deine Kerbe schlagen dürfte.

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