Dementia Teachings I

Long time no see! Ich hab Lust mehr über Demenz zu schreiben, darüber wie es ist, für einen anderen da zu sein, der den Verstand verliert, aber dummerweise ist es genau eine Aufgabe, die Zeit einnimmt – durch tatsächliches Kümmern oder auch durch Sorgen. Heute Nacht lag ich ne Stunde wach und hab mir Sorgen gemacht.

Aber mir sagen Leute, dass ich das ganz gut mache insgesamt (meine Sorgen sagen was anderes), und zwei Sachen lassen mich denken, dass das vielleicht stimmt: zum Einen gibt es manchmal Leute, die Sachen über meine Mutter sagen, die ich blöd finde, wo ich deutlich merke: Nein, so nicht. Zum Anderen begegnen mir in meiner Beschäftigung mit Therapie und Beratung, sei es im Lesen oder ob der Arbeit, öfter mal Gedanken, die mich im Kontakt mit meiner Mutter bestärken.

Ein Mensch mit einer Krankheit

Erste Sache die mir wichtig ist: meine Mutter ist ein fühlender Mensch mit einer schwierigen Krankheit. Diese Tatsache ist bei Krankheiten wie Demenz oft nicht so einfach zu sehen, weil Demenz Aspekte betrifft, die wir sehr nah an der Person verorten: Gedächtnis, Sprache, Orientierung in der Welt. Aber ich finde es wichtig, sich das immer wieder klar zu machen: Es gibt meine Mutter, und die hat eine Krankheit. Sie leidet unter den Symptomen, sie wird gestört davon, wird beeinträchtigt. Daher verdient sie mein Mitgefühl und meine Unterstützung, denn die Krankheit ist groß, stark und gemein.

Wir sind mehr als unsere Fähigkeiten

Ich lerne meine Mutter in den letzten Jahren nochmal ganz anders kennen, humorvoller, verschmitzter, verletzlicher als früher. Unser Kontakt ist näher, wir lachen mehr, sie zeigt mir mehr von sich, und das finde ich in allem sehr schön. Ich kann dabei zusehen, wie sie Fähigkeiten verliert: Online-Banking, zusammenhängende Texte schreiben, sich zeitlich orientieren… Die sind schon weitgehend weg. Autofahren, sich in Sprache ausdrücken, Warten können… Die sind im Begriff, sich zu verabschieden. Und für mich ist aber ganz klar, dass meine Mutter noch da ist, dass ihr Menschsein sich nicht in ihren Fähigkeiten ausdrückt.

Ich weiß gar nicht, aus was für einer Ecke diese Gedanken stammen, aber es gibt da ja Ideen zu: Gehört mein Bein zu mir, ist da Jan drin? Na klar. Aber wenn ich es abschneide, ist Jan immer noch da. Gehört Frisbeespielen zu mir? Auf jeden Fall. Aber wenn ich damit aufhöre, bin ich immer noch ich. Und ich bin interessanterweise auch der gleiche Mensch wie der ganz kleine Jan, der weder sprechen noch laufen konnte. Wir sind nicht unsere Fähigkeiten. Wir sind mehr.

Ich finde es ganz schwierig zu benennen, was dieses Menschsein ist…

Alan Watts, dessen Worte mir regelmäßig auf Twitter gezeigt werden, hat daran etwas verstanden, glaube ich.

Apart from life, the self is as meaningless as a solitary note taken from a symphony.

Akzeptanz der Liebe in der Fürsorge

Hier bin ich gerade dran… Lange war ich sehr neidisch, dass andere Leute in meinem Alter sich nicht mit diesem Thema rumschlagen müssen. Andere Rentner trinken Weißwein in der Altstadt, das hätte ich meiner Ma auch gegönnt, und mir selber hätte ich auch gegönnt, der Sohn einer solchen Mutter zu sein. Herrgott nochmal, eine der seltensten Demenzformen überhaupt, und dann noch so früh, was ebenfalls selten ist. Das ist ein 6er im Arschloch-Lotto.

Aber mehr und mehr komme ich dahin, mein Schicksal anzunehmen, und zu merken: Wenn ich erlaube, dass es ist wie es ist, ist mein Leben nicht so schlecht. Für meine Mutter da zu sein ist absolut richtig – nur nebenher noch zwei Jobs zu haben ist vielleicht auf Dauer keine gute Idee. Manchmal ist es, als hätte ich mehrere Leben, ein privates in dem ich mich für Liebe und Sex und Poly interessiere, für Frisbee und Spiele, dann ein berufliches, wo ich selbständig in Hamburg bin und angestellt in Bielefeld, und dann ein familiäres, wo ich mich um meine Mutter kümmere. Aber man kann nicht drei Leben leben, das ist anstrengend.

The secret to waking up from the drama—all these endless cycles—is to realize that only the present exists. It’s the only time there is.
Alan Watts

Anstatt ein Leben rauszuwerfen, würde ich es gern schaffen, sie mehr zu kombinieren, das eine Leben in das andere mitzunehmen… Bin gespannt wie das klappt. Vielleicht muss auch doch was rausfliegen.

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