Der andere Jan

Meine Mutter ist leider an Demenz erkrankt / altert auf eine Art, die mit dementiellen Veränderungen einhergeht. Die semantische Demenz, die sich da in ihrer Leben gedrängt hat, funktioniert etwas anders als Alzheimer, wo man vor allem an Vergesslichkeit denkt.

Bei der semantischen Demenz gehen Bedeutungen verloren und durcheinander. Ein Test zur Erkennung von semantischer Demenz ist die Frage „Was ist ein Tacker?“. Da würde es für meine Mutter sicher auch eng. Komplizierte Worte klappen für längere Zeit, aber simple Worte sind manchmal – nicht immer – schwierig.

Dabei fällt mir immer wieder auf: das Gehirn ist so verdammt kompliziert und gibt echt sein bestes. Ganz oft durchschaue ich, was meine Mutter sagen will und kann nachvollziehen, dass es einfach falsch raus kommt. Oft sind die Fehler dabei nicht zufällig, und meine Mutter benutzt ein Wort mit dem gleichen Anfangsbuchstaben oder ein Reimwort. Auch Redewendungen gehen manchmal durcheinander, aber der ursprüngliche Gedanke macht meiner Meinung nach häufig Sinn. Ein Kommentar dazu, dass etwas dämlich ist, wird dann verworren zu einem „das ist ja nämlich…“ Und dann kommen Füllwörter, weil das Gehirn merkt, dass nach nämlich noch was kommen muss.

Oft verstehe ich die Fehlleistungen und ahne, was sie sich gedacht hatte. Eine Sache, die ich nicht verstehe, ist die Erwähnung des anderen Jan. Ich bin der einzige Sohn meiner Mutter und auch der einzige Jan. Aber dieser Fehler zieht sich so durch: oft ruft sie mich an, ist dann aber irritiert wenn ich dran gehe: sie wollte den anderen Jan sprechen. Und manchmal erzählt sie mir, dass Jan irgendwas gemacht hat, oder meistens hat er irgendwas nicht gemacht.

Und ich frage mich, welches Verständnis der Welt da los ist, wo genau die Verwirrung ist… Gibt es einen netten und einen bösen Jan? Einen erwachsenen und einen kindlichen? Jedenfalls ist es hochinteressant (und natürlich immer mal wieder auch heftig und schlimm), wie es im Gehirn schieflaufen kann, während vieles noch super geht.

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