Fangt an und macht weiter!

Carolin Würfel schreibt im aktuellen ZEITmagazin über den Feminismus, und arbeitet sich durch ihr Hadern (ist das nötig? darf man das? darf ich das?) zu einem Manifest vor: 20 Punkte, die sie sich und allen auf die Fahnen und hinter die Ohren schreiben will.

Ich mag den Artikel, ich mag die feministischen Themen, und die Frage, die Frau Würfel stellt, ist für mich klar zu beantworten: Brauchen wir den Feminismus? Selbstverständlich. Wir brauchen einen Anti-Sexismus, und weil Frauen häufiger und drastischer von Sexismus betroffen sind, ist ein Anti-Sexismus unserer Zeit selbstverständlich ein Feminismus. Das Manifest widmet sich ganz vielen Punkten, bei denen ich zustimme: Die sind wichtig. Körperbild, Teilhabe, Mitbestimmung, Beziehung, Sex, Freiheit.

Allerdings stört mich enorm, dass das Manifest aus lauter „Hör auf’s!“ besteht. Gerade wenn Frau Würfel schreibt, dass der Feminismus in Deutschland nie so richtig in Fahrt gekommen ist, gehören da doch „Fang an’s!“ hin.

Allerdings fühlt es sich gerade auch richtig kacke an, sich mit so einem „Übrigens…“ besserwisserisch einzumischen in die Haltung einer Frau zum Feminismus… Ich mag ihre Liste nicht „verbessern“, aber mag deutlich sagen: aufhören ist viel schwieriger als anzufangen, aus zwei Gründen:

Zum Einen aktiviert jedes Hör auf! erstmal das, mit dem man aufhören soll. „Hör auf, dich für deine Wut zu entschuldigen“ verstärkt erstmal die Repräsentation dieses Verhaltens als typisch weiblich.

Zum Anderen ist ein Hör auf! keine hilfreiche Anleitung. „Hör auf, Grapscher und Sexismus zu entschuldigen“ ist natürlich richtig, aber was dann? Schweigen statt entschuldigen? Anprangern? Anleiten? Argumentieren?

(Passiert übrigens auch in der Kindererziehung, dass Kindern viel gesagt wird, mit etwas aufzuhören, dabei machen die viel lieber mit, wenn man ihnen etwas sagt, wie sie nett sein können… Statt „hör auf, mich zu treten“ ein „bitte streichel mich, anstatt mich zu treten“ wirkt manchmal Wunder!)

Insofern, liebe Frauen und Mädchen und Menschen, denen Frauen und Mädchen am Herzen liegen:

Fangt an. Macht weiter.

Fangt an und macht weiter, zu euch zu stehen, eure Wahrnehmungen ernstzunehmen und u ihnen zu stehen, fangt an und macht weiter, euch zu empören und was zu sagen, wenn die Gesellschaft nicht vernünftig funktioniert, fangt an und macht weiter, zu erklären und zu argumentieren, was ihr seid, fühlt und sagen wollt.

Das wird gut.

Titelbild von Jay Morrison

3 Gedanken zu „Fangt an und macht weiter!

  1. Jetzt bin ich bei ZON auch noch in den Artikel gestolpert. Ja, hmm … erstmal aber 100% Zustimmung wider „Hör aufs!“ und für „Fangt ans!“. Kinder sagt man das ja eigentlich deshalb nicht in der Negation, weil sie – so die These – das „nicht“ zu oft überhören und dann nur „Schubs deinen Bruder!“ ankommt. Deswegen soll man, falls man die Aufforderung gerade nicht positiv formulieren kann einfach sagen „Lass das!“, was in Deinem und Frau Würfels Sinne ja auch ein „Hör auf ist.“

    Aber Recht hast Du, denn ich finde die List in vielen Punkten so als hätte Alice Schwarzer die in den 70er geschrieben und seither nicht verändert. Himmel und Götter! … wenn das die Probleme sind, vor denen Frauen immer noch stehen, na dann haben wir ja nicht soooviel erreicht.

    Und … ja ich Teile auch Deinen anderen Punkt: Ja wir brauchen – ganz offensichtlich – einen Feminismus, das scheint mir schon selbstverständlich, wenn man nur die Liste liest. Ich glaube aber, dass sich der Feminismus keinen Gefallen tut, sich so zu nennen und so zu denken. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte diese Ungleichheit für eine der grössten Barbareien, die uns künftige Generationen anlasten werden, das weisst Du ja. Es auch „Feminismus“ zu nennen ist eigentlich nur fair, weil Frauen eben die grössten Probleme haben. Dass es am Ende aber um alle Menschen geht, um ein Geschlechter-Spektrum und sogar auch um die Männer ist doch irgendwie auch klar. Es kann nicht bei den Frauen aufhören, der Anspruch reicht ja weiter. Deswegen greift der Begriff eigentlich zu kurz.

    Ich für meinen Teil habe schon seit anderthalb Jahren glaube ich, einen Blogartikel auf Halde liegen, der den Titel trägt „Der Humanismus muss über das Menschliche hinauswachsen!“. Nur mal so …

    1. Da bin ich inhaltlich sogar bei dir, ich habe lange den Begriff „Anti-Sexismus“ bevorzugt, und natürlich ist auch ein Humanismus, wenn man ihn ernst nimmt, automatisch feministisch.
      Mittlerweile finde ich aber, dass alle anderen Begriffe außer Feminismus dazu beitragen, dass mal wieder Frauen aus Diskursen rausgehalten werden. Da stehen dann die Frauen und sagen „Das läuft nicht gut, wir werden ungerecht behandelt, zu Objekten degradiert und nicht für voll genommen“, und dann kommt man und sagt „Das braucht aber keine Bewegung für Frauen, das ist doch alles schon im Humanismus drin…“. Leugnet irgendwie die Expertise der betroffenen Personen, finde ich.
      Jemand gebildeteres als ich wüsste bestimmt auch etwas historisches hinzuzufügen, hinsichtlich eines (von mir nur vermuteten) Männerzentrismus des Humanismus.

      Von daher: natürlich geht es um mehr als „nur“um die Frau, aber Sätze in denen Frauen mit einem „nur“ zusammenstehen sind brandgefährlich (ähnlich wie die Genderthematik drohte, die Vanilla-Frauen zu marginalisieren: du bist hetero und willst Kinder? Ich bin ein Transmann mit dem Wunsch, ein Pflegekind zu adoptieren, frag mich mal nach Ausgrenzung!)

      1. D’accord! Dann sag ich es mal anders: Ich glaube der Feminismus täte sich und den Frauen einen Gefallen, wenn er eine gute „Standard-Antwort“ gegenüber dem Vorwurf parat hätte, eigentlich zu kurz zu greifen.

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