Gewalt und Kinder 

Kinder zu schlagen ist verboten. Kulturell allerdings ist es nach wie vor… Naja, irgendwie halt doch halb so schlimm. Zumindest Klapse oder „eins auf die Finger“ finden viele dann doch ganz okay, zumal wenn es um was ernstes geht, wo das Lernen wirklich wichtig ist. Weltweit werden Klapse und leichte körperliche Züchtigung laut UNICEF von 80% der Eltern angewandt.

Gerade vorhin erst auf der Straße ist ein Mädchen, vielleicht 7 Jahre alt, über eine rote Ampel gegangen, der Vater hat sie prompt und deutlich zurückgerufen (sie hat sofort angehalten und ist gekommen), und dann gab es ein paar auf den Popo.

Oder man könnte auch sagen: dann hielt der Vater sie fest und schlug sie mehrmals.

Natürlich sind das keine schrecklichen Schmerzen, natürlich ist das in ein paar Minuten erstmal ohne Belang, und natürlich gibt es Situationen, in denen Kinder nicht mehr mit Worten zu erreichen sind. Aber ich habe mittlerweile etwas zentrales verstanden, und bin sehr fest darin geworden, dass das Schlagen in jeder Form falsch ist.

Wenn man mit Leuten darüber spricht (und ich tue das ja durchaus auch beruflich mit Eltern), ist das häufigste Argument (neben vielen Aussagen dazu, dass es methodisch aber funktioniert):

Mir hat das auch nicht geschadet.

Dazu sind zwei Dinge zu sagen:

1. Es stimmt nicht

Auch leichte Gewalt belastet die Beziehung: wer gelernt hat, dass es bei Fehlern weh tun kann, wird (1) keine Sachen ausprobieren, wo man Fehler machen kann, und wird (2) mit Fehlern nicht mehr gern zu den Eltern gehen und es lieber verheimlichen.

Es gibt eine große Studie über 50 Jahre, die für körperliche Strafen die gleichen Risiken findet wie für physischen Missbrauch, wenn auch natürlich geringer: höheres Risiko für psychische Störungen, Probleme im Sozialverhalten… Langfristig nicht gut.

2. Es ist nicht der Punkt

Aber selbst wenn es tatsächlich keine seelischen Narben hinterlassen würde: Wisst ihr, was auch niemandem dauerhaft schadet? In der Fußgängerzone eine Ohrfeige zu bekommen. In der Bahn eine Hand auf den Oberschenkel gelegt zu bekommen. Oberflächlich gekratzt zu werden, während man im Supermarkt ist.

Letztens erst, in der Auseinandersetzung mit dem Thema Kinderrechte, ist mir so richtig klar geworden:

Kinder zu schlagen ist falsch, weil Kinder Menschen sind. Punkt. In unserer Gesellschaft wurde entschieden, dass es ein Delikt namens Körperverletzung gibt. Man darf anderen Menschen nicht weh tun. Das geht zurück auf ein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, und dieses Recht gilt für Menschen. Und Kinder sind Menschen.

Fertig. Ende der Argumente. Es ist scheißegal, ob das Kind es anders nicht versteht, ob es gar nicht so doll weh tut, ob es als Erziehungsmethode wirkungsvoll ist, ob es einem selber auch nicht geschadet hat. Wer selber empört wäre, in der Stadt einfach eine Ohrfeige zu bekommen, der kann auch keine Kinder schlagen.

Ich hab vorhin kurz den Impuls gehabt, mir den Vater zu schnappen und ihm zweimal auf den Po zu hauen: „Man darf! Seine Kinder! Nicht hauen!“

Fände ich auch eigentlich super, ich glaube anders versteht der das gar nicht, und durch die Jacke hätte es ihm auch gar nicht besonders weh getan. Und dann wäre die Polizei gekommen.

Noch als letzte Anmerkung: ich habe großen Respekt vor der Herausforderung des Elternseins, und vor den Momenten, wo man so am Ende seines Lateins ist, dass man ein Kind schlägt oder schüttelt oder derlei mehr. Ich finde es sogar was anderes, ob Leute nicht mehr weiter wussten, oder ob sie Schläge ganz kühl als Erziehung einsetzen. Aber selbst bei diesen Ausnahmesituationen​ finde ich wichtig, dass die genau so verstanden wird: das war gerade große Scheiße, und ich werde mich entschuldigen und versuchen es wieder gut zu machen und hole mir vielleicht sogar Hilfe – genau wie wenn ich meine Partnerin schlage oder einen Freund oder jemanden bei der Arbeit.

Titelbild von kr428 (Flickr)

Ein Gedanke zu „Gewalt und Kinder 

  1. Ach! Synchronizität! Ich lese gerade „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ von Danielle Graf und Katja Seide und das wichtigste, was ich bisher draus gelernt habe … vertraue auf gar keinem Fall, dem Erziehungsstil deiner Eltern, „Das hat mir auch nicht geschadet.“ ist eine Lüge! Und das Beste daran: Wie Eltern schläge einsetzen ist der Beweis dafür, dass es ihnen geschadet hat, denn praktisch immer berichten sie dann davon, dass ihnen „die Hand ausgerutscht“ sei, oder „einen Sicherung durchgebrannt“ ist. Sie wissen, dass es falsch ist und machen es trotzdem, weil sie es eben auch so erfahren haben.

    Und Danielle Graf und Katja Seide gehen sogar noch weiter als Du. Es ist falsch, weil es auch nichts bringt, weil Kinder, wenn sie „Fehler“ machen, biologisch-neuroal-kognitiv gar nicht in der Lage sind, die Dimensionen ihres Handelns zu erfassen und man Kinder weder mit Schimpfe (und in weiten Teilen nicht einmal mit Lob ode Belohnung erreicht) und schon gar nicht mit Schlägen erreicht. Alles, was man dann erreicht, ist das man Kinder bekommt, die lernen, dass Gewalt ein einsetzbares Mittel ist.

    Aber ich kann vom Eltern-Dasein bestätigen, was Danielle Graf und Katja Seide auch schreiben: Es ist superhart in Ausnahmensituationen (Rote Ampeln) als Eltern vernünftig zu bleiben. Es ist vielleicht sogar das aller Schwerste an diesem ganzen Elterndasein. Deswegen gibt es im Buch etlich Hinweise, wie man als Eltern diese Situationen auflösen kann, ohne selber auszurasten. Da musste ich schon mehrfach an Dich denken, weil es mich immer an das erinnert, was Du vom lösungsfokussierten Denken erzählst.

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