Queer. Queer? 

Dies ist eine Art Coming-out.

Eigentlich schon immer habe ich mein männliches Geschlecht nicht besonders klassisch gelebt. In der Kita hab ich am liebsten die Mama gespielt bei Vater-Mutter-Kind, ich hab mich schon sehr früh viel besser mit Frauen verstanden, und ich war sehr erleichtert über den third wave feminism, der Geschlecht so überzeugend dekonstruiert. Lange dachte ich, ich bin einfach schlecht darin, dieses Männerding zu machen, aber mittlerweile finde ich meine Variante richtig gut.

Ich scheue mich nicht, über Gefühle zu reden oder niedlich zu sein, ich muss keine Stärke oder Macht demonstrieren, und Statussymbole finde ich öde.

4 von den 5 Frauen, denen ich in den letzten Jahren näher kam, stehen auch auf Frauen, und ich glaube ich repräsentiere eine Form von Männlichkeit, die aus einer bisexuellen Perspektive gewissermaßen zwischen Geschlechtern liegt – auch wenn ich selber ziemlich deutlich hetero bin.

Mit Polyamory habe ich mich viel beschäftigt, und auch wenn der Satz „ich bin poly“ nicht zu 100% zutrifft (und mich die Szene total nervt), so passt er doch deutlich besser als der Satz „ich glaube an die monogame Zweierbeziehung“. Und in jüngster Zeit habe ich mehr über Beziehungsanarchie gelesen, und finde es ziemlich gut, Beziehungen aus den Regelwerken zu befreien.

In letzter Zeit wächst mein Wunsch, dazu mehr zu stehen, und ich finde es leider irgendwie schwierig… Der Satz „ich bin schwul“ ist (mittlerweile) klar und bedeutsam, und mein Satz wäre eher umständlich…

„Ich bin nicht einverstanden mit den dominanten Ideen zu Geschlecht und Liebe und weigere mich, ihre diskursive Herrschaft zu akzeptieren“ ist ein deutlich schlechterer Satz für ein Coming-out.

In einem Artikel hat die Schauspielerin Natalie Morales sich letztens als queer ge-outet, ohne groß zu benennen, was genau sie eigentlich tut oder fühlt, und das fand ich schön:

I don’t like labeling myself, or anyone else, but if it’s easier for you to understand me, what I’m saying is that I’m queer. What queer means to me is just simply that I’m not straight. That’s all. It’s not scary, even though that word used to be really, really scary to me.

Das hat mich inspiriert – und ich will jetzt Parks and Recreation gucken.
Auch darin gibt es etwas Skepsis in mir: ist das nicht Trittbrettfahrerei bei einer Bewegung, die riesig viel größer ist als meine Bedenken gegenüber Beziehung und Geschlecht? „Reicht“ mein Erleben für das Label? Und ich denke an meinen Mitbewohner der mal sehr weise über diese ganzen queeren Parties und den Trend zur Bisexualität sagte: „Queer sein ist kein Hobby“, und da stimme ich zu.

Außerdem bin ich auch gar nicht ganz glücklich mit diesem riesen LGBTQIA+ Label (lesbian, gay, bi, trans, queer, inter, asexual), das sind so verschiedene Erleben, und Polyfolk wird oft auch innerhalb der Szene relativ negativ gesehen (Homo-Ehe und Ablehnen von Monogamie passt halt nicht zusammen).

Aber dann denke ich an die Jahre von blöden Diskussionen rund um meine Zweifel an Paarbeziehung, an die mühsame Auseinandersetzung über anderthalb Jahrzehnte mit dem Thema Liebe, ich denke an Sabrina auf dem Klosterplatz, an die irritierenden Glückwünsche aus meiner Familie, weil sich rumgesprochen hat, dass ich eine Freundin habe, und ich denke an meine Unsicherheit gegenüber eben dieser Freundin, ob ich das alles richtig mache und ob sie mit im Boot ist mit meinen Ideen und Wünschen für Beziehung, denke an die Kommentare ihrer WG dazu, dass ich mit der Frau, die vorher sowas wie meine Freundin war, noch Kontakt habe und sie mir sogar sehr nah ist, und insgesamt denke ich dann doch:

Ja, ich bin queer. Ich bin nah an Polyamory und Beziehungsanarchie und freier Sexualität, ich bin nicht gänzlich genderkonform und ich bin eigentlich richtig stolz drauf. 😃

Titelbild von Pride-Flags

6 Gedanken zu „Queer. Queer? 

  1. ei der daus! queer war in meiner beschränkten wahrnehmung immer recht eng an LGBT gekoppelt, weswegen ich etwas irritiert war ob der „aufweichung“ des begriffs durch dich. aber macht natürlich sinn queer als kollektivum zu gebrauchen.
    und noch feiner ist eigentlich die geschichte der „rückeroberung“ des begriffs zu der du ja auch einen beitrag leistest. (zumindest für mich)

    :]

    1. Ich hatte es auch lange nur als schwul, lesbisch oder genderqueer gelesen, aber fand mich in dem Artikel dann doch wieder. Queer heißt: nicht straight. Und solange man nichts sagt, denken alle man wünscht sich eine monogame Partnerschaft zu einer Person des anderen Geschlechts, und so ganz passt das halt nicht.
      I’m not straight! :)

  2. Alle Männer, mit denen ich befreundet bin, geht es ähnlich. Es sind so viele Begriffe, die so viele verschiedene Phänomene bezeichnen, wenn es um das Thema geht. Kaum öffne ich eine Schublade, sehe ich darin viele Ebenen und noch dazu bewegt sich die Schublade selbst auf einer sich ständig verändernden Ebene. Tatsächlich ist es doch so, dass ein gemeinsames Sprechen darüber nur sehr schwierig ist und seitdem höre ich mir nur noch individuelle Geschichten an, frage nach Leidenschaften und Sehnsüchten, was antörnt und abtörnt, beobachte, wann Adrenalin ins Blut geht. Mit Sprachlogik komme ich da nicht weit.
    Als ich einen schwulen Freund von mir letztes Jahr in meinen (Hetero)-Club nahm, meinte er entsetzt: „Oh, Gott, was sind denn das hier für Männer? Wenn ich eine Frau wäre, würde ich schwul werden.“
    Ich frage mich immer wieder, wieso niemand sieht, dass der Kaiser nackt ist und endlich die Wahrheit ausspricht: Es gibt überhaupt keine Norm, wenn es um das Geschlecht geht, es ist ein Phänomen, es gibt Ideale, Mythen, aber keine Norm. Wo soll die Norm stehen? Wer soll die wann und wo formuliert haben? In der Kunst? In der Werbung? Auf dem Bau? Ist Norm hier nicht nur eine Summe von Aussagen und Behauptungen?
    Wirklich wichtig wird die Diskussion erst, wenn es um die Bestimmung des biologischen Geschlechts geht, um Intersexualität, Transgender.
    „Ich bin ein heterosexueller Mann“, das sagt alles und nichts und hat alleine für sich schon so viel Spielraum, dass ich mein ganzes Leben damit beschäftigt sein kann, viel Spaß zu haben und täglich Neues zu entdecken.

    1. Das ist auch etwas, das mich total beschäftigt: woher kommen diese Normen? Ich glaube, das geht von alleine durch so sozialkonstruktionistische Vorgänge (also Sprache zwischen Leuten), vor dem Hintergrund von Häufigkeit und Tradition.
      Und einerseits könnte ich dir nicht rechter geben: das ist doch alles nicht echt, das ist doch bescheuert. Und andererseits ist die Realität von diesen ganzen Schmuh leider doch hart spürbar, und genau deshalb hatte ich ja Lust, mich zu positionieren. Ich merke diese Normen nämlich doch, und zwar – natürlich – genau an den Punkten, wo ich sie verfehle.

  3. Ich kann meinen Kopf leider noch nicht so recht dazu bewegen, ernsthaft über das Thema nachzudenken. Aber … ich finde den Text von Dir total schön. Ich finde es total schön, dass Thomas und Martin den Weg hier her gefunden haben und hier mitreden. Und ich finde es latürnich total schön, dass Du das Thema, das uns beide ja schon ziiiemlich lange bewegt wieder aufgreifst. Und auch wenn Du weisst, dass ich weiter auf der hetero-a-mans-gotta-do-what-a-mans-gotta-do-vollbart-grizzly-adams-Seite der Dinge stehe als Du, ist es eben doch ein mehr. Und die Ankunft meiner Tochter hat da für mich auch einiges weg von jener Seite verschoben, hin zu einer Position, die von der Deinen gar nicht so weit entfernt ist.

    1. Ja, eigentlich ist es für mich gar kein wieder aufgreifen, sondern ein mit-Worten-ausdrücken, was mich immer schon beschäftigt. Quasi der Umkehrschluss zu „longing to belong“

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