Seinen Frieden machen

Ich bin seit gut einem Jahr in einem Zustand von Nervosität und Sorge, weil meine Mutter geistig abbaut – Demenz ist als mögliche Diagnose im Raum, aber noch nicht sicher, es kann auch eine Hirnentzündung sein oder Burnout, aber um ganz ehrlich zu sein, ich glaube es ist leider Demenz…

1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Demenzform. Das ist insofern krass, dass ca. 17 Millionen Menschen über 65 sind, das heißt jeder Zehnte Rentner wäre betroffen. Da hängt immer mindestens ein Mensch dran, der sich kümmert und sich sorgt, und meist ja auch noch irgendwas Professionelles.

Und trotzdem ist das nicht sichtbar. Das ist schon verrückt, aber für mich mittlerweile auch verständlich. Die Hilflosigkeit angesichts einer Diagnose ohne Heilungschancen macht es total schwer, damit umzugehen und Worte zu finden, Antworten zu finden auf „Wie geht’s?“, wenn man innerlich nur denkt „Es ist schwer und wird nicht mehr leichter…“.

Nun gibt es aber doch gute Ansätze, um eine andere Wirklichkeit zu konstruieren, und natürlich interessiert mich das.
Fourth Age ist so eine Idee. Danach ist Demenz gar keine Erkrankung, sondern eine Form des Altwerdens, sodass nach Kindheit, Erwachsenenalter und Alter eben noch die Demenz folgt. So wie am Anfang des Lebens eine Phase von Bedürftigkeit und beschränktem Geist steht, so steht sie dann eben auch am Ende, ganz ohne Defizitgedanken.

Ich beschäftige mich in letzter Zeit (neben so Themen wie Betreuung, Medizinischem Dienst, Berufsunfähigkeit, Pflegegeld und Vollmachten…) mit der Idee namens „seinen Frieden machen mit etwas“.
Das kann man ja scheinbar. Nicht: Lösen von etwas. Sondern seinen Frieden damit schließen. Das gefällt mir natürlich angesichts eines unlösbaren Problems, und es steckt ja eine Menge darin:
Man muss ihn machen, diesen Frieden, er stellt sich nicht von allein ein.
Und es ist mein Frieden. Der eigene Frieden, kein objektiver. Das ruft nach engem Kontakt mit den eigenen Ideen, mit der eigenen Ruhe.

Ich bin da noch nicht. Aber ich habe so eine Ahnung, wie es sich anfühlen könnte, wenn man sagt „Ich habe meinen Frieden damit gemacht“.
Dafür muss die Versorgung erstmal rund laufen, und ich müsste neben dem Leid (das ich meist nur vermute, meine Mutter ist sehr zufrieden eigentlich) noch stabile schöne Dinge sehen.

So ganz lange halte ich das nämlich nicht mehr aus.

Titelbild von John Silliman

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