Sexual Feminist

Ich begegne immer mal wieder einem gewissen Problem, nämlich zwei meiner wichtigen Prägungen übereinander zu bekommen:

Feminismus und Sexpositivismus.

Feminismus dürfte ja bekannt sein. Manchmal wundern sich Menschen, dass ich als Mann Feminist bin, scheinbar kann man das als sehr selbstlos/ Verräter an der eigenen Sache verstehen, aber, und das ist mir sehr wichtig, Feminismus setzt sich nicht dafür ein, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden und Männer dafür nicht. Feminismus wie ich ihn verstehe setzt sich dafür ein, dass Geschlecht eine weniger wichtige Rolle spielt als momentan – und bislang und seit ewigen Zeiten sind von dieser Ungleichheit Frauen besonders deutlich betroffen.

Sexpositivismus kennen vielleicht nicht alle, da geht es kurz gesagt darum, dass Sex als solches etwas wunderbares ist, eine gute Form der menschlichen Begegnung, und diese ganzen Versuche, Sex anderen Motiven unterzuordnen („Wahre Liebe wartet“; Slutshaming; „So genau wollte ich’s gar nicht wissen“) werden als sexnegativ betrachtet. Sex wurde über Jahrhunderte negativ aufgeladen, und auch in meiner Biographie ist mir sehr oft begegnet, dass Menschen empört waren, wenn ich Sex ne gute Idee fand. Auch den Satz „Was denkst du von mir?!“ habe ich schon hören müssen. (Gedacht hatte ich: im Urlaub mit dir körperlich so nah zu sein war sehr schön, und ich hätte Lust, da nochmal anzuknüpfen)

Und jetzt sind wir auch schon sehr nah an meiner Schwierigkeit.

Ich als fast banal deutlich heterosexueller Mann sehe oft hinreißende Frauen, wunderschöne Beine, Bäuche, Brüste, und es macht mich sehr glücklich. Meine Freude an weiblicher Physis ist ein sehr schönes Element meines Sommers, und ich gehe auch ganz d’accord damit, dass ich als Mensch, also als sexuelles Wesen, die sexuellen Anteile anderer Menschen wahrnehme und feiere. Ich mag aus dieser Warte gesprochen sogar dieses Spiel mit den Reizen, die kurzen Röcke, die Ausschnitte, und gebe mir beim T-Shirt-Kauf Mühe, auch ein bisschen was hineinzugeben in dieses Spiel.

Aus der feministischen Ecke aber kann ich dieses Spiel auch sehr schrecklich finden, weil Frauen am laufenden Band zu Objekten einer (zumeist männlichen) Lust gemacht werden, und meine scheinbar unschuldige Freude an nackter Haut ist Teil eines Diskurses über den Wert von Frauen, der sich an Schönheit bemisst.

Und ganz ehrlich, ich hab eigentlich ein schlechtes Gewissen, dass ich die (für mich) schönen Frauen in der Stadt bemerke, und die anderen Frauen werden von meinem Blick kaum berührt. Da frage ich mich durchaus: habe ich Interesse an Frauenmenschen, oder nur an Frauenkörpern?

Ich habe das noch nicht fertig gedacht. Wahrscheinlich ist das so ein Fall, bei dem man dann schlau sagen kann „das ist nur dialektisch zu verstehen“, also nur im Spannungsfeld der beiden nicht zu vereinbarenden Positionen, aber das finde ich meist unbefriedigend.

Ich weiß, der 4th Wave Feminism ist sehr sexpositiv, aber hab bisher nur über Frauen gelesen, die natürlich von einer anderen Ecke aus starten: sich zu Sexualität bekennen in Abgrenzung von Schlampe oder eben Heilige sein, das leuchtet mir ein. Da ist eine Stärke drin, eine Erklärung von „meine Lust gehört mir, ihr könnt mich alle mal“.

Aber sich zu Sexualität bekennen, mit geradem Rücken und einem Lächeln, wenn das Vorurteil eh schon ist, dass man nur an Sex interessiert ist, finde ich irgendwie schwierig… Auch kann man nicht reclaimen, wenn man in der privilegierten Position steckt… Andererseits ist es auch recht nah dran an „meine Lust gehört mir“, aber ich will gern Körper gut finden, ohne die Menschen, die da drin stecken, im Wesentlichen zu ignorieren. Aber ich will auch nicht so tun, als würde es mich nicht sehr freuen, nackte Schönheit sehen zu dürfen…

Und es wird ja noch viel schlimmer, denn natürlich schätze ich jede Menge Dinge, die so dermaßen aufgeladen sind: rasierte Beine, dünne Bäuche, knackige Pos. Nun bin ich mir zwar bewusst, dass das einfach nur ein willkürliches Ideal ist, aber genau wie Frauen sich dem unterwerfen, unterliege ja auch ich diesem Einfluss und finde das dann halt schön.

Nur ist es als Frau halt eine große persönliche Leistung, sich davon zu befreien, es ist richtig stark, sich nicht die Beine zu rasieren. Und dann stehe ich da und finde das dummerweise nicht schön. Aber natürlich richtig.

Weder will ich jetzt aufgrund meiner Überzeugungen verleugnen, was mir gefällt, noch will ich so tun, als hätte all die systematische Gewalt über Frauenkörper nichts mit mir zu tun.

What now?

Titelbild von Julia Caesar

5 Gedanken zu „Sexual Feminist

  1. Hey,
    Ich weiß nicht ganz, wie weit bei dir der „Sexpositivismus“ gefasst ist. Aber um das zu verdeutlichen muss ich kurz ausholen:
    Es ist für den Feminismus (wie du ihn verstehst, s.o.) sicher kein Problem, dass du Sexualität lebst. Aber (und das ist wichtig) man muss sich bei dieser Thematik einmal bewusst darüber werden, wo und wie sie thematisierst.
    Die Diskussion um die „Verobjektivierung der Frau“ beschreibt mWn das Phänomen, dass ein Mann/Männer eine Frau a) ungefragt, b) mit einer vorgeprägten Erwartungshaltung auf Sexualität reduzieren und (be)urteilen. Sie sagen also letztlich nicht: „Diese Frau hat einen schönen Po“, sondern „Dieser (dein) Po ist sexuell interessant.“ Das ist ein ganz gewichtiger Unterschied.
    Um das anders aufzubauen: Es geht darum, dass die Beziehung nicht über die Sexualität (und die männliche Erwartung) funktioniert, sondern über die Person und das Miteinander. Wenn dann noch Ästhetik dazukommt, ist das ja toll. Schwierig ist, wenn die Beziehung nicht funktioniert, weil die (üblicherweise männliche) Erwartung an die Ästhetik nicht (von der Frau) erfüllt wird.

    maW: Du kannst natürlich in der Stadt herumlaufen und schöne Menschen (!) sehen und wahrnehmen und dich über die Ästhetik ihrer Körper freuen. Aber du solltest dir dabei a) bewusst sein, dass du hier gerade nur Körper betrachtest und b) im Moment des Aufeinandertreffens (= in eine Beziehung gehen) die Person und nicht den Körper siehst und/oder bemerkst. Auch wenn dieses Aufeinandertreffen „nur“ ein Blick ist (Problemfall: male gaze, elevator eyes etc. pp.)
    Konkreter: Wenn bereits in der Begrüßung sexuelle Erwartungen zu kommuniziert werden („Hey, du siehst aber heute gut aus, warst du beim Sport…? *augenzwinker* *hint* *hint*“ – auch in Abwandlungen), dann ist das seltsam. Bemerken und thematisieren kann man das sexuelle Spiel des sich-Hübsch-machens natürlich schon. Aber da sollte es a) nicht darum gehen, dass der Mann mit dem Ergebnis zufrieden ist (!), sondern darum, dass man den Aufwand und die Intention bemerkt – also die Sprache darin liest, versteht und darauf antwortet. Und b) kann man das ohne „Objektivitätsanspruch“ tun. Statt „Du bist aber heute hübsch“ (= Du entsprichst meinen Erwartungen) kann man auch sagen „Ich (!) finde deine heutige Frisur hübsch.“
    Dabei kurz zur Hure&Heiligen: In beiden Fällen wird eine männliche Erwartung vorausgesetzt. Das hat mit der weiblichen Lust erst mal nicht viel zu tun.

    Den Bezug zum Sexpositivismus kann man dann noch ganz einfach hinzulegen:
    Wenn die Beziehung nur deshalb begonnen (und/oder erhalten) wird, damit oder weil Sexualität (also v.a. die eigene Befriedigung – körperlich, oder aber die Erfüllung ästhetischer Erwartungen!) damit verbunden ist, dann ist es schwierig.
    Wenn die Beziehung aber zum Menschen aufgebaut wird – und dann Körperlichkeit ein Aspekt (!) der gegenseitigen (!) Beziehung ist, an dem beide Teil haben, den beide wollen und der durch körperliche oder verbale Sprache diskutiert wird – dann sehe ich das ziemlich unkritisch…

    Mit Kant gesprochen: Wenn man den anderen Menschen immer zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel (für deine Sexualität) brauchst, sehe ich da kein Problem. (= pro Feminismus)
    Das muss also nicht bedeuten, die eigenen und fremden (!) körperlichen und ästhetischen Bedürfnisse zu leugnen/zu ignorieren, für die der andere Mensch ja tatsächlich ein Mittel ist. (= pro Sexualität)
    Aber: Wie niemand dafür verantwortlich ist, dir deinen Hunger mit dem besten Essen zu stillen, ist niemand dafür verantwortlich, deine sexuellen Erwartungen zu erfüllen.

    1. Interessant, interessant… Ich hake mal an zwei Punkten ein:
      1) Du sprichst von Beziehung, in der es nicht primär um meine Bedürfnisstillung gehen sollte. Da gehe ich völlig d’accord! Spätestens im Moment der Kontaktaufnahme ist da natürlich ein Mensch, und nicht nur ein Po. Mir ging es erstmal darum, dass ich halt selbst bemerkt habe: Ich schaue mir gern schöne Körper an – in dem Moment nehme ich erstmal nur wahr, das hat mit Beziehung gar nichts zu tun, glaube ich…
      2) Die Verantwortung für meine Erwartungen… interessanterweise bin ich überhaupt nicht bei Erwartungen. Ich bemerke Körper auf ähnliche Art und Weise, wie ich vielleicht auch (andere) Naturschauspiele bemerke, wie die Schönheit einer Lichtung, einer Katze, einer Wiese. Da steckt null Erwartung drin!

      Beim Lesen deines Beitrags habe ich auch nochmal drüber nachgedacht, dass die meisten sagen wir mal humanistischen Gedanken irgendwann etwas präskriptives bekommen… keine Ahnung, wie viel du das meintest, aber es gibt ja so Tendenzen von „Dies ist nach reiflicher Überlegung eigentlich nicht okay, also wird nicht mehr so gefühlt/ gedacht/ erlebt“. Die finde ich schwierig. Denn ich kann zwar entscheiden, was ich spreche, aber nicht so sehr, was ich empfinde und denke. Ich, ein sexueller Mensch, bemerke natürlich die sexuellen Reize in meiner Umgebung, und, ganz ehrlich: Da sehe ich den Po. Der wirkt auf mich.

      Vielleicht ist das auch der Punkt: In meinem eigenen Kopf kann ich ja erstmal nur empfinden. Aber wie ich dann begegne und Kontakt gestalte, wie ich in die Welt hineinwirke, das unterliegt meiner Verantwortung. Und in dieser Verantwortung bin ich dann Feminist.

  2. Inhaltlich kann ich nicht so richtig viel beitragen, ausser der Forrest Gumpschen Weisheit „Dumm ist nur, wer Dummes tut.“ angepasst auf diese Situtation: Sexist ist nur, wer sexistisch handelt, was für mich als alten Philosophen sprechen und denken latürnich einschliesst, Stichwort „How to do things with Words“.

    Was ich aber eigentlich sagen wollte: Herrlich formuliert, Jan, ganz herrlich! Eine grosse ästhetische Freude, auch und gerade weil es mit dem Inhalt sprachlich so behutsam umgeht.

    1. Danke dir! Ich freue mich, dass die Behutsamkeit geglückt ist, ich hab da nämlich schon länger drüber nachgedacht, mich jetzt getraut, und natürlich war mir super wichtig, das sanft und aufrichtig hinzukriegen.

      Und das mit dem Handeln ist nicht schlecht. Das ist schon ein Ausweg aus dem Konflikt… Aber es bleibt knifflig. Mir ist schon klar: politisch korrekt wäre es, zunächst einen Menschen toll zu finden, und danach den Körper zu bemerken. Aber so ist es nicht für mich.
      Und mich und mein Denken da in Augenschein zu nehmen (am besten ohne präskriptive Moral), finde ich da erstmal ganz gut.

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