Also bei MIR ist das ja so…

Es gibt so Sachen in Gesprächen, die ich ziemlich bescheuert finde, und die mich manchmal denken lassen, ich sollte nur noch mit Menschen sprechen, die Gesprächsführung gelernt haben. Es ist einfach was anderes, wenn man mit Therapeutinnen und Psychologen und so derlei redet, sorry, aber es macht halt doch einen Unterschied. Es gibt natürlich Ausnahmen, wo auch Leute ohne diese Ausbildung sehr achtsam und behutsam und aufmerksam sind, aber wir hätten keine jahrelangen Ausbildungen, wenn wir nicht denken würden, dass die was verändern.

Eine ziemlich häufige Angewohnheit in Gesprächen ist der niemals enden wollende Rückbezug auf das eigene Erleben.

„Wow, ich hatte gestern so viel Spaß beim Fußball!“

„Also ich kann ja mit Fußball überhaupt nichts anfangen“

Das ist häufig eine Form von „für mich wär das ja nix“, worüber ich demnächst nochmal dezidiert schreiben sollte, aber das muss nicht sein:

„Ich hätte so gern eine Katze…“

„Oh, wir hatten zuhause 3 Katzen, die waren so lustig, die eine hat sich immer in den Schuhen versteckt, das war vielleicht manchmal eine Aufregung. Wusstest du schon, dass wir auf einem alten Hof gelebt haben?“

Ich erlebe das außerordentlich häufig bei Männern, die können ganze Abende füllen mit Anekdoten, die unterbrochen werden mit neuen Anekdoten… Ich will in solchen Momenten am liebsten was sagen. „Oh, reden wir jetzt über dein Thema? Verstehe. Gut zu wissen.“

Ich finde es gar nicht so simpel, meinen Finger darauf zu legen, was daran schräg ist… Ein Austausch über Themen berührt natürlich immer die eigene Erfahrung, und es ist nichts dabei, von sich zu erzählen.

Allerdings passiert in den oben erwähnten Momenten noch mehr:

  • Die erste Person verliert die Gelegenheit, dorthin zu erzählen, wo sie hin wollte
  • Die ursprüngliche Geschichte wird durch die zweite Person beendet
  • Die zweite Person erhebt sich damit über die erste und geht in die Rolle von bewerten und entscheiden darüber, wer dran ist

Für mich geht es also eigentlich um Freiheit und Macht: die Freiheit, das zu erzählen, was einem am Herzen liegt, ohne dass jemand die Kontrolle über das Thema nimmt. Seien wir ehrlich, es geht einfach nicht immer um die Frage „Wie ist das eigentlich bei dir?“. Kann natürlich sein, aber wisst ihr, was dafür ein gutes Zeichen ist? Wenn jemand das fragt!

Wenn jemand das nicht fragt, liegt für mich die Vermutung nahe, dass die Person das einfach nur erzählen will (was uns zu einem weiteren Problem bringt, nämlich wenn Leute einfach nicht aufhören, ihre Geschichte zu erzählen… Das ist auch schlimm. Aber ich bleibe hier mal bei Leuten, die von selber ein Ende finden würden, auch ohne Abbruch).

Gestern kam ein weiterer Gast in das AirBnB in dem ich weilte, und nachdem wir eine Weile gequatscht hatten, kamen wir auf meinen Beruf (Psychologe). Er meinte, er hätte sich das schon gedacht, weil er überrascht gewesen wäre, wieviel er plötzlich von sich erzählt hat.

Mir war nicht bewusst, irgendwas dafür getan zu haben, aber vermutlich hat es schon gereicht, dass ich bei seiner Erzählung geblieben bin. Ich habe ihm die Freiheit gelassen, so viel zu erzählen wie er wollte und habe kein Powerplay gemacht, damit ich endlich dran sein konnte.

Das kann heißen, dass man Fragen stellt (Inwiefern? Wie kommt das? Weshalb ist dir das wichtig?), aber eigentlich genügt es vollauf, nicht zu unterbrechen und das Gespräch zu übernehmen.

Kann ich nur empfehlen, das ist häufig viel interessanter als dieses Pingpong der Anekdoten… Ich gebe dabei nämlich oft auf und mache das nicht mit, dieses Ringen um Redeanteile. Und warum gebe ich auf? Weil es eine Situation ist, zu der mir einfällt, man kann entweder Aufgeben oder Ringen, und schon bin ich raus.

Ich finde es stattdessen oft interessanter, was ein Erzählen bei der anderen Person so macht. Was versteht sie darin, was erkennt sie an mir, und natürlich auch (aber eben nicht sofort und als feindliche Übernahme) was hat das mit ihr zu tun?

„Ich hätte so gern eine Katze…“

„Ja? Wie kommt’s?“

„Ach, ich mochte die immer schon, das ist wie ein Stück Zuhause irgendwie.“

„Meinst du das würde dein jetziges Zuhause anders machen?“

„Ja, vielleicht… Wahrscheinlich wär ich viel öfter daheim! Ach, und es wär halt jemand da, das fänd ich schön. Findest du es nicht auch manchmal blöd so allein zuhaus?“

Und zack, keine Minute später bin ich dann doch dran, ganz von alleine, aber das Gespräch hat sich entwickelt, und statt eine Anekdote über Katzen angebracht zu haben sprechen wir über Zuhause und Gemeinschaft. Schön!

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