Tinder ist feministisch

Letztes Jahr habe ich einige Zeit auf Tinder verbracht, einige nette und einige weniger​ nette Dates gehabt, und eine sehr coole Frau kennengelernt, mit der die Beziehung sogar weitergegangen ist.

Ich war sehr skeptisch gegenüber Tinder! Kapitalistische Idee von Menschen einkaufen, quasi, ne Shopping-App für die Liebe, ich hatte die ganzen Kritiken gehört. Und dann war ich aber sehr überrascht von einigen Dingen.

Erstens, wie viele Frauen (ich habe nur nach Frauen gesucht, weil ich hetero bin) auf Tinder nicht nur sagen, dass sie nicht an One Night Stands interessiert sind (fair enough!, aber auch das hat mich schon nachdenken lassen, ob Userinnen Tinder als das nutzen, als dass es verschrien ist), sondern auch, dass sie den Mann fürs Leben suchen.
Auf Tinder! Den Mann fürs Leben!
Das fand ich verrückt. Um ehrlich zu sein, war das für mich ein Kriterium, um die sofort wegzuwischen… Weder glaube ich an diese Idee, noch kann ich jemanden ernstnehmen, der das in einen Zweizeiler auf Tinder schreibt. Really?

Zweitens war ich überrascht, wie wenig oberflächlich ich das ganze Ding fand. Also natürlich ist es oberflächlich, aber ich fand es nicht oberflächlicher als jede Menge andere Instanzen, in denen man Menschen kennenlernt. Im Vergleich zu OKCupid, wo ich lange ein Profil hatte (weil da angeblich viele Leute unterwegs sein sollten, die mit Polyamory was anfangen können), hatte ich den Eindruck, dass man sehr ähnlich auf Grundlage von Sympathie schreibt. Klar, auf OKC hat man auch noch Tests und Matchingpunkte und Profiltext, um die Sympathie zu speisen, und insofern bietet Tinder weniger Information, aber ganz ehrlich, wenn man jemanden in der Stadt oder im Park oder bei einer Party oder an der Käsetheke sympathisch findet, hat man ziemlich genau die gleichen Infos wie bei Tinder: Aussehen, Stil, wie gibt sich jemand. Echtmensch ist Bewegtbild, aber dafür ist Tinder mit einem kurzen Satz, der unter Umständen richtig viel verrät („Ich hoffe hier meinen Traumprinz zu finden, also schreibt mir nur wenn ihr es ernst meint!“ – und zack, Danke, so viel Naivität und Romantizismus ertrage ich nicht. Ich glaube dass Wort Romantizismus gibt es noch nicht, oder? Ich brauchte es aber).

Kurzer Einwurf: Zum Thema Oberflächlichkeit und Liebe und Ideen wie es geht, MUSS man unbedingt mal „Shoppen“ gesehen haben.

https://www.youtube.com/watch?v=Omq0lEhBfI8

Nun aber zum Kern des Artikels: ich fand Tinder feministisch in einem Aspekt der User Experience, anders als alle anderen mir bekannten Partnerschafts-Sites: bei Tinder müssen erst beide die Wahl treffen, dass sie Interesse haben, und dann können sie schreiben.

Überall sonst werden Frauen zugeworfen mit Nachrichten, Männer balzen in alle Richtungen, Frauen werden bedrängt und genervt und als Mann muss man es erstmal schaffen, dass man in diesem Wust überhaupt sichtbar wird (und als Frau, hab ich mir sagen lassen, muss man erstmal schaffen den Glauben an die Menschheit und ein Interesse an Beziehungen zu Männern am Leben zu erhalten…). Durch dieses rückhaltlose schreibenkönnen werden typische sexistische Subjekt-Objekt-Muster reproduziert, um Frauen wird geworben, Männer müssen Mitbewerber übertrumpfen, Männer handeln und machen den ersten Schritt, Frauen reagieren und müssen richtig wählen.

Und mit einem Handstreich, einer so einfachen Idee, nivelliert Tinder diesen ganzen Scheiß und sagt: beide Personen müssen Ja sagen, sonst geht hier gar nix. Das ist programmierte Konsenskultur und in meinen Augen gewaltig!

Natürlich bleiben andere fragwürdige Aspekte mit drin: es geht um Äußerlichkeiten (wobei ich wie gesagt eher den Eindruck hatte, man erlebt Sympathie oder nicht – weniger dass das so Fleischbeschau ist) und aufgrund des stärkeren normativen Drucks auf Frauen, dass sie schön zu sein haben, kann man das auch kritisch finden. Aber ich finde es falsch, einer App das vorzuwerfen, denn ganz ehrlich: auch auf parship und an der Käsetheke spielt das Bild eine große Rolle (ich habe dazu mal einen tollen Artikel gelesen, wo ein und dieselbe Frau mit verschiedenen Bildern auf so einer Plattform unterwegs war, und ganz, ganz verschiedene Männer haben sich gemeldet. Hab ich leider vorhin nicht wieder gefunden).

Insofern hab ich mich gefreut, Konversationen anzufangen über Tinder, wo beide Seiten wussten: wir finden uns interessant.

Ganz anderer Start als „Du bekommst bestimmt total viele Nachrichten aber *strengan* ich bin echt nett! Hallo! Nicht zumachen das Fenster!!!“.

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