Rollenspiele 2020 – Orakel

Nun zum vierten Teil der Serie!

GM-Emulatoren / Orakel

Als gute Spielleitung will man ja nicht zu viel vorgeben, sondern will – genau wie alle Spielenden – kreativ auf das reagieren, was am Tisch passiert. Radikal zu Ende gedacht, braucht man also kein Skript, sondern gute Ideen. Bei GM-Emulatoren oder Orakeln gibt es für diese Ideen keine zuständige Person, sondern Mechaniken! Durch bestimmte Tabellen, Würfelergebnisse oder andere Regeln kann man als Spielerin eine Frage stellen, und bekommt vom Spiel eine Antwort – meist in sehr allgemeiner Form, und dann muss man selber überlegen, was genau die Antwort bedeutet – wie bei einem Orakel eben!

Mythic

Mythic ist das System, das man als erstes findet, wenn man sich mit GM-Emulatoren beschäftigt. Drumrum gibt es aber auch noch ein komplettes RPG-System, also auch für das Spiel mit GM! Das PDF nur für den Emulator hat über 50 Seiten und ist mir fast schon zu komplex… Aber es würde tatsächlich funktionieren, den GM ziemlich komplett zu ersetzen, weil es so kleinschrittig ist, zum Beispiel bei der Szenenkreation: Würfle um herauszufinden, ob etwas unvorhergesehenes passiert. Ja? Würfle um herauszufinden, was für eine Art von Geschehnis (context). Eine weitere Figur? Würfle um zu sehen, welche der bekannten Figuren auftaucht (focus). Würfle dann um herauszufinden, was mit ihr los ist (meaning).

Once it has been determined that a random event has
occurred, you must figure out what happens. There are three
components to a random event: context, focus, and
meaning.

Mythic Roleplaying

Man gibt damit sehr viel ans System ab, und die vielen unterschiedlichen Tabellen bedeuten natürlich, dass man tatsächlich einzigartige, interessante Verläufe erwürfeln kann.

Hier muss ich mich noch mehr mit beschäftigen, könnte mir aber vorstellen, die Tabellen für Zufallsbegegnungen zu nutzen!

Außerdem hat auch Mythic, so wie alle GM-Emulatoren, Regeln zur Beantwortung von geschlossenen Fragen (also welchen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind): Schaffe ich den Sprung über den Wasserfall? Ist sich der Oberbösewicht schon bewusst darüber, dass wir ihn verfolgen? Befinden sich unfassbare Schätze in dieser Höhle? Let’s find out!

Mythic hat dabei eine sehr komplexe, rollenspiel-typische Variante ersonnen, bei der man situationale Modifikatoren nutzt, das Fertigkeitslevel von Charakteren berücksichtigt wird und dann am Ende ein Prozentrang rauskommt.

FU

FU (Freeform / Universal) hat nur 23 Seiten, das ist mir sofort weniger einschüchternd! Auch in FU werden geschlossene Fragen beantwortet, aber schon deutlich einfacher. Man würfelt einen W6 und bekommt von oben nach unten die typischen Ergebnisse „Ja, und…“, „Ja“, „Ja, aber…“, „Nein, aber…“, „Nein“ und „Nein, und…“. Ein „Ja, aber“ ist beispielsweise ein eingeschränkter Erfolg: Ja, du kommst über den Wasserfall, aber du verlierst dabei ein Item in den Stromschnellen…

Recluse

Recluse ist ein denkbar simples Orakel für das Spiel ohne Leitung, und es existiert nur in Form eines Beitrags im Netz. Zwei verschiedenfarbige W6 repräsentieren Ja und Nein, der höhere Würfel gewinnt. Zusätzlich (und das ist wirklich schlau) können noch ein „Und…“ und ein „Aber“ entstehen, wenn beide Würfelergebnisse in der oberen oder eben der unteren Hälfte landen.

Eine Wurf von 5 / 4 wäre also „Ja, und…“ auf eine Frage wie „Ist diese Höhle bewohnt?“. Es ist dann an der Person, die die Frage gestellt hat, die Antwort mit Leben zu füllen. „Ja, sie ist bewohnt, und die Bewohner haben Reich bemerkt und zielen mit Waffen auf euch“.

Für mich im Grunde der Gewinner, das steckt – zumindest was das Beantworten von Fragen angeht – die komplexeren Systeme locker in die Tasche. Ist kein fairer Vergleich, denn Mythic und FU wollen im Grunde mehr, aber ich könnte mir gut vorstellen, Recluse zu verwenden, um Story-Fragen zu beantworten (und für Aktionen im Spiel weiterhin die Regeln, die das Spiel eben vorgibt).

Dice Geeks Tip zum Improvisieren

Das ist jetzt nicht direkt ein Orakelsystem, aber Dice Geeks hat einen kurzen Artikel drüber geschrieben, als Spielleitung einfach einen W6 zu würfeln, und ne 6 ist der bestmögliche Outcome und ne 1 eine Katastrophe, und dann wird eben improvisiert. Finde ich genial einfach.

Vor allem gefällt mir, dass man die Spielenden ja fragen kann: Was willst du im besten Fall erreichen? Was könnte maximal schiefgehen? Und dann wird gemeinsam überlegt, was vielleicht eine 4 bedeutet. Ist nochmal ein bisschen was anderes als Ja/ Nein, Und/ Aber, nämlich offener, und ich könnte mir vorstellen, dass auch das nützlich sein kann bei bestimmten Fragen, oder auch wenn man mal kein Rollenspielsystem da hat, und einfach nur einen W6.

5 Gedanken zu „Rollenspiele 2020 – Orakel“

  1. Oh, ah, Mythic klingt in der Tat spannend. Also … nicht, dass ich es benutzen wollen würde, aber … da hat sich scheinbar wer mit narratologischer Theorie beschäftigt.

    Mal ne Frage: Wo siehst Du den Unterschied zwischen Freeform/Universal und Recluse? Beide scheinen ja am Ende auf so eine Erfolg-Misserfolg-Skala hinauszulaufen.

    Und … der Link zurück zu Spielsysteme wirft einen 404. :-*

    1. 404 fixed!
      Und: FU habe ich vielleicht Unrecht getan mit der Kürze meiner Beschreibung: genau wie Mythic kann FU noch einiges mehr als nur Fragen zu beantworten, nämlich narrative Wendungen beschreiben, Szene für Szene. Damit könnte man auch super Abenteuer planen!

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