Pimmel und Chlamydien

Gestern auf dem sehr schönen Abendmarkt auf dem ehemals recht leblosen Klosterplatz war ich verabredet mit einem lieben Freund, der wiederum einen Freund mitbrachte, den ich auch mag aber nicht so gut kenne, der wiederum zwei Frauen mitbrachte, die eine kannte er von der Arbeit, die andere ist eine gute Freundin der ersten.

Letztere gute Freundin, nennen wir sie Sabrina, sprach im Lauf des Abends dann kurz von einem Erlebnis im Dark Room, und weil ich da noch nie drin war, war ich natürlich neugierig und hab sie gefragt, was daran sie gut fand, wie man sich da drin so begegnet, ob das eher vorsichtig oder enthemmt passiert – was ich halt so interessant fand.

Sie hat dann eilig erläutert, dass sie da aber mit ihrem damaligen Freund war und die natürlich nur miteinander Sex hatten, ohne Partnertausch. Selbstverständlich, als Beziehungsanarchist und Polyamory-verbundener Mensch, sah ich mich dann verpflichtet, kurz zu sagen, dass das ja auch mit Partnertausch voll okay wäre, und sicher auch ne spannende Erfahrung.

„Hä, wie meinst du das denn? Wie kannst du das sagen?“

„Naja, ich fühle mich den monogamen Ideen nicht so eng verbunden.“

Kurze Anmerkung: Really, in nen Swingerclub gehen und sich von Partnertausch distanzieren, das ist doch bescheuert… Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Aber gut, hey, Exhibitionismus, sex in public, können die ja so machen als Paar. Ende der Anmerkung.

Das folgende Gespräch war dann sehr geprägt von Unverständnis, dem Fordern von Erklärungen von nicht-monogamen Ideen über Beziehung (Erklärung… More like Rechtfertigung eigentlich) und erstaunlichen vielen Abwertungen, Unterstellungen und reduktionistischen Lesarten meiner Person.

Ich mag da gar nicht im einzelnen drauf eingehen, aber insbesondere Sabrina konnte mich nur sehr negativ lesen, Pimmel überall reinstecken, Chlamydien, schwanzgesteuert, mit der Hose denken, gibt es denn Frauen die das mitmachen, hattest du schonmal ne richtige Beziehung, warst du schonmal wirklich verliebt, das volle Programm. Schrecklich. Ich glaube sie hat mindestens fünfmal lang und breit erläutert, dass das für sie ja nix wäre, gegessen wird zuhause und Liebe wäre für sie was anderes.

Natürlich ist das voll okay, dass das nichts für sie ist, aber interessant für mich war vor allem das Powerplay darin. Aus jeder ihrer Aussagen tropfte so viel Normalkultur und Deutungshoheit, ich hab 2 Stunden gebraucht, um mich zu erholen von dem Gespräch.

Hier ist, was daran falsch war:

Durch die Art und Weise, wie Sabrina mich immer wieder hingestellt hat, hat sie mich über die ganze Zeit hinweg ge-othert und marginalisiert, und sie hat sich immer wieder über mich gestellt. Powermoves. Ich war in dem Gespräch zwischendurch Scheißkerl, Sexist, unerfahren, zu echter Liebe unfähig. Selbst ganz am Ende, wo wir bei einem Leben und leben lassen angekommen waren, war ich nur „begnadigt“ von einer Vertreterin der Mehrheitsgesellschaft.

Ich war kein einziges Mal an diesem Abend einfach nur ein Mensch, der Beziehung führt. All die Fragen, die kamen, sollten mich primär überführen als einen schlechten Menschen, und diese fünf Beteuerungen von ihr, dass das nichts für sie wäre (was ich natürlich nie behauptet hatte), sollten vor allem immer wieder deutlich machen, dass ich nicht normal bin.

Das ist auf exakt der selben Ebene wie Sprüche gegenüber Lesben, dass die nur mal nen richtigen Mann bräuchten, oder dass Schwule ja machen können was sie wollen, aber einen selber sollen sie bitte in Ruhe lassen. 

Auch da wird ein anderes Erleben stets gemessen an dem, was für die Person normal ist, und natürlich scheitert ein anderes Erleben an diesen Maßstäben.

Wenn ich das genauso machen würde, könnte ich das nächste Mal, wenn mir jemand von einer geplanten Hochzeit erzählt, ebenfalls fünfmal deutlich machen, dass das ja für mich nix wäre, und was daran alles schräg ist und antiquiert und sexistisch und gesellschaftlich völlig falsch, aber you know what?

Not. The. Fucking. Point.

Jemand heiratet und freut sich drauf. Ich muss das nicht absegnen oder nachvollziehen oder genauso machen wollen. Ich muss nix kaufen.

Ich muss einfach nur offen sein, dass jemand andere Lebensentscheidungen trifft als ich. Und hot damn, ich finde auch wenn man zufällig mal mit irgendwas im Mainstream ist, kann man das schon schaffen, Leute nicht abzustrafen und an die Wand zu stellen oder im besten Fall gütig zu erlauben, dass die ihr Leben so führen wie sie wollen.

Fuck you, Sabrina. Fuck you twice. Echt.

Genau solche Gespräche sind der Grund dafür, dass Leute kein Coming-out machen, dass sie sich wegducken vor Gesprächen über ihre Beziehungsideen oder Genderideen oder worum es auch immer geht. In dieser Art des „Interesses“ zu stehen ist so unangenehm und herabwürdigend, man wird eigentlich beleidigt und reduziert, wehrt sich gegen (völlig irrwitzige) Vorwürfe, muss für eine ganze Szene sprechen (was man ja irgendwie auch nicht versauen will) anstatt nur für sich, und der best case ist, dass einem erlaubt wird, diese „verrückte Sache“ weiter zu machen, solange man niemanden stört.

Und für diese gönnerhafte Attitüde, aus der heraus meine Art zu lieben sofort und ohne Umschweife in die Nähe von Geschlechtskrankheiten und Untreue und Sexismus gerückt wird, soll ich dann am Ende noch dankbar sein, und weiter offen erzählen und noch Verständnis​ (!) haben, dass das ja auch wirklich seltsam ist, und es doch klar ist, dass Leute erstmal so reagieren.

Ja, klar. So wie man als Ausländer auch dringend Verständnis haben muss, wenn die Nazis einen anspucken und anschreien und schlagen, weil doch klar ist, dass die sich mit Ausländern schwer tun. Klar. Immer schön Verständnis von den Minderheiten einfordern.

Hrngh. 

3 Gedanken zu „Pimmel und Chlamydien

  1. Ein sich vegan ernährender Kumpel erzählte mir letztens, dass ihn, wenn der Umstand mal zwangsläufig zur Sprache kommen muss, keine Reaktion so sehr nerve, wie das sofortige „Ach! Also… für MICH wäre das ja nichts!“ Da schwingen bisweilen auch Untertöne mit, aber das ist im Vergleich ja geradezu höflich.

    Menschenkinder.

    1. Ja, ich glaube das passiert ständig: aus der Mehrheitsgesellschaft heraus wird bewertet.
      In dem Zuge betrachte ich übrigens in letzter Zeit total kritisch, mit welchem Blick ich Frauen oft betrachte – weil mir schon häufig auffällt, ob ich die attraktiv oder schön oder interessant finde. Und natürlich ist das einerseits ganz normal und menschlich, aber andererseits bin ich da eben Teil des Establishments und schaue bewertend auf diese Frauen, und verhalte mich gewissermaßen ähnlich zu Fleischessern und anderen Mainstreamenden.

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