Sexuelle Identität

Mit meinem Noch-Mitbewohner sprach ich über den Begriff der sexuellen Identität. Ihn stört daran, dass es angeblich zur Identität gehört, welche sexuellen Vorlieben man hat, und dass ausgerechnet dieses Verhalten so eine riesige Rolle spielt. Damit ist er nah dran an der Position von Michel Foucault, der sich nie als schwul outen wollte, weil er fand, dass das einfach nur Verhalten ist, und das Label „schwul“ mache erst eine Eigenschaft daraus, und plötzlich gibt es schwule Orte, schwule Kleidung etc. Hochinteressante Position.

Mich stört an dem Begriff „sexuelle Identität“ vor allem, dass es um Sex geht – ich finde aber eigentlich, es geht ganz viel um Liebe und Bindung. Schwul oder lesbisch sein heißt ja auch, ich verliebe mich in das gleiche Geschlecht. Bisexuell heißt, ich verliebe mich in beide Geschlechter. Besonders augenfällig wird es bei der Pansexualität, wo Geschlecht nicht mal mehr ein Faktor ist, der fürs Verlieben eine Rolle spielt: ich verliebe mich in irgendwen. Es wäre ja denkbar, jemand ist bisexuell und gleichzeitig asexuell, also ohne eindeutiges Interesse an Sex und Lust.

Und doch tut der Begriff so, als würde es nur um Geschlechtsverkehr geben.

Ich habe auf einer Veranstaltung mal eine total schöne Liste von Fragen rund um die sexuelle Orientierung gesehen. Ich weiß nicht, ob ich mir alle richtig gemerkt habe (und bin dankbar für gute Quellen):

  • Welchen Körper finde ich schön?
  • Welcher Körper ist meiner?
  • Mit wem will ich in Beziehung sein?
  • Mit wem will ich Sex haben?
  • Wenn man diese vier Fragen als Basis nimmt und kurz mal 2 Geschlechter annimmt, gibt es sofort schon 4², also 16 sexuelle Orientierungen. Wenn ich 3 Geschlechter annehme (Mann, Frau, Trans) sind es schon 4³, also 64. Wenn man Mehrfachantworten zulässt, beherrsche ich die notwendige Mathematik nicht mehr. Und natürlich kann jede Antwort auch auf einem Kontinuum stattfinden, zum Beispiel kann man lieber mit Frauen Sex haben, aber Sex mit Männern findet man auch gut.

    Ich mag es, dass es dabei nicht mehr nur um Sex geht, und dass es so schön fein aufgegliedert ist. Mehr Platz für Identitäten ist immer gut, und mal weg von der Idee, dass es immer und immer um Sex gehen muss. Sex ist toll, aber wir sind als Menschen ja doch ein paar Sachen mehr.

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